Unglücklich und vom Leben enttäuscht


Ein psychisches Krankheitsbild von dem man noch nicht lange Kenntnis hat, ist die Verbitterungsstörung.

Eine Verbitterungsstörung ist die Folge einer starken persönlichen Kränkung, oder auch einer dauerhaften Erfolglosigkeit im beruflichen und/oder privaten Bereich. Häufigste Symptome einer Verbitterung sind Ängste, Depressionen, Aggressionen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. In schweren Fällen kann eine Verbitterung sogar zu Selbstmordgedanken führen.

Viele Betroffene wollen nicht wahrhaben, dass sie ernsthaft seelisch verletzt oder psychisch erkrankt sind und verweigern Hilfe aus dem Umfeld oder auch eines Therapeuten.


Wie entsteht eine Verbitterungsstörung?


Bis man Verbitterungsstörungen, insbesondere Posttraumatische Verbitterungsstörungen als eigenständiges Krankheitsbild angesehen hat, wurden von einer Verbitterung Betroffene unspezifisch als Psychosomatiker, Depressive oder Angstpatienten bezeichnet.

Oft sind verbitterte Menschen mit engmaschigen Werten, Normen und Moralvorstellungen aufgewachsen, bei dem es nur schwarz und weiß gab. Sie sind mit Sprüchen wie: „Jeder bekommt, was er verdient“, „Geld wächst nicht auf Bäumen“, oder „Leistung wird belohnt“ aufgewachsen........

Verbitterung entsteht sehr oft auch, wenn sich die Lebenssituation nach einer langen Zeit abrupt ohne eigenes Zutun und ohne Schuld ändert. Ein Beispiel: Eine Frau hat jung geheiratet und Kinder bekommen und ist dafür zu Hause geblieben, hat nicht weiter in die Rentenkasse eingezahlt. Als Ihre Ehe dann nach vielen Jahren aus ist, kommt das böse Erwachen, denn sie ging davon aus, dass ihr Mann für sie sorgen würde. Als sie nun sieht, dass sie auch mit ihrem jetzigen Job im Alter nicht genug zum Leben oder zum Sterben hat, frisst sie ihr Zorn auf den Mann und auf sich selbst auf. Sie endet als „verbitterte alte Frau“.

Ein Angestellter der über Jahrzehnte seiner Firma treu ergeben war, wird eines Tages aus einem Fadenscheinigen Grund entlassen. Er ist zu jung um in Rente zu gehen, aber zu alt, um mit Leichtigkeit einen neuen Job zu finden. Er hat sich zudem mit seiner alten Firma identifiziert und es fällt ihm selbst schwer sich in einer anderen Rolle als der in "seiner" Firma zu sehen. Auch hier stehen die Chancen gut, dass der Mann seinen Groll nicht so schnell überwindet, sich zurückzieht, von der Menschheit enttäuscht.

Besonders im Alter vereinsamen Menschen zunehmend. Die Familie wohnt weit weg, und Freundschaften zu pflegen wird mit zunehmendem Alter auch immer schwieriger und mühseliger. Körperliche Gebrechen und Todesfälle im Freundeskreis führen dazu, dass ältere Menschen immer seltener das eigene Haus verlassen. Der Fernseher wird zum Fenster in die Welt nach draußen. Man hat zu viel Zeit zum grübeln. "Ach hätte ich damals doch nur..." "Wenn ich ihn/sie nicht geheiratet hätte, säße ich jetzt nicht hier...". "Wenn ich die Zeit nur noch mal zurückdrehen könnte.."

So kann eine Verbitterung auch durch Einsamkeit entstehen.

Nun ist es natürlich einfach für Familienangehörige zu sagen, jetzt sei doch nicht so, warum bist du immer so negativ? Geh doch mal vor die Türe, dann geht es dir auch besser!

Ein verbitterter Mensch ist immer ein zutiefst unglücklicher Mensch. Schwere Enttäuschungen und negative Geschehnisse haben den Betroffenen derart gekränkt, dass er sich nur noch in der Rolle des hilflosen Opfers sehen kann und nicht in der Lage ist, das Geschehene zu verarbeiten und zu akzeptieren. Er interpretiert seine Situation als eine Konsequenz der Kränkung oder Enttäuschung, fühlt sich vom Leben ungerecht behandelt und reagiert auf das auslösende Moment extrem emotional.

Oftmals sieht ein Betroffener durch Kränkungen und negative Erfahrungen sein gesamtes bisheriges Lebenswerk in Frage gestellt. Er gibt auf und entwickelt vielleicht deshalb Aggressionen und Zynismus. Gleichzeitig fühlt er sich hilflos und nicht in der Lage, etwas gegen seine Situation zu unternehmen. Er sucht die Schuld und die Schuldigen im Außen und ist in Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen gefangen. Verbitterte leiden oft an Depressionen, Phobien und Paranoia bis hin zu Verschwörungsphantasien. Gleichzeitig fühlen sich Betroffene innerlich leer, verdrängen die innere Leere jedoch durch immer aggressiveres Auftreten nach außen, frei nach dem Motto:

"Ich lasse mir von niemandem mehr etwas gefallen!"

Dass sie dabei oftmals Menschen verletzen, die es eigentlich nur gut mit ihnen meinen, nehmen sie entweder billigend in Kauf oder sie sind so gefangen in ihrer Ablehnung auf alles und jeden und die ganze Welt, dass ihnen das nicht einmal bewusst ist. Sie realisieren nicht, dass sie mit ihrem Verhalten, die noch verbliebenen Menschen ihres inneren Kreises immer weiter von sich wegschieben. Sie sind einsam und sorgen unbewusst dafür, dass das auch so bleibt. Ein Teufelskreislauf!

Für ihre Mitmenschen gelten Betroffene als sozial schwer bis gar nicht verträglich. Sie gehen ihrem Umfeld als mal depressive, mal aggressive Dauernörgler auf die Nerven. Sie wirken selbst mitleidig und zynisch, ziehen alles ins Negative und schaffen es nicht selten, andere ebenfalls psychisch „runterzuziehen“.

Körperliche Symptome einer Verbitterung ähneln denen einer Depression. Betroffene vernachlässigen ihr Äußeres, ihre Gesundheit und ihren Wohnraum. Viele werden abhängig von Alkohol oder Medikamenten und/oder legen stark an Gewicht zu. Ihre Wohnungen werden oft mit Dingen zugestellt, die ihnen im Moment des Kaufes ein besseres Gefühl geben. Da man dann nicht mehr gut an alles drankommt, wird nur noch oberflächlich das gröbste gereinigt, der Wohnraum verschmutzt, wirkt ungeliebt genauso wie sein Bewohner sich fühlt. Mit der Gewichtszunahme und der Vernachlässigung der eigenen körperlichen und seelischen Gesundheit steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

Was ist normal, was ist abnormal?

Im Laufe des Lebens widerfährt jedem Menschen die ein oder andere Kränkung. Die meisten Menschen verarbeiten diese Erlebnisse indem sie darüber reden, dem anderen signalisieren, dass man sich gekränkt fühlt. Oder die Situation wird ausgesessen. Der Mitschüler, der es liebt, uns vor der Klasse lächerlich zu machen, wird früher oder später aus unserem Leben verschwinden. Die Exfreundin, die uns betrogen hat, wird vielleicht schon bald durch einen neuen, liebevollen Partner ersetzt.

Wenn Menschen mit solchen Situationen nicht umgehen können, sondern in Selbstmitleid und Schuldzuweisungen zu ertrinken drohen und das dauerhalft und bei jedem Problem – dann sprechen wir von einer klinischen Verbitterung – einer psychischen Krankheit.

Den meisten Menschen ist noch nicht bekannt, dass eine Verbitterung zu einer schweren psychischen Erkrankung entwickeln kann. Verbitterung ist für den Betroffenen schwerer zu ertragen und seelisch zerstörerischer als eine reine Angststörung oder eine Depression. Es ist diesen Menschen unmöglich, anderen Menschen zu vergeben, d.h. im Umkehrschluss, dass sie selbst dazu verdammt sind, sich wieder und wieder mit der Situation zu beschäftigen. Sie können nicht abschließen, sie reißen alte Wunden immer wieder selbst auf und erleben die Kränkung, den Verrat, den Zorn, die Trauer, jedes mal wieder aufs Neue!



Hört sich nach jemandem an, den du kennst?



Du fragst dich sicher: Was kann man tun? Da die Einsicht für die Notwendigkeit einer Veränderung fehlt, gestaltet sich eine Hilfestellung von Freunden und Familie als schwierig bis unmöglich. Viele Menschen, die beispielsweise an einer Depression oder Angststörung leiden, wollen ihre Situation verändern. Ein Mensch mit einer Verbitterungsstörung sieht die Ursache in seinen Problemen grundsätzlich in anderen Menschen. Er sieht nicht ein, dass er aktiv etwas verändern muss und steckt oft im Teufelskreis aus Schuldzuweisungen und Selbstmitleid fest.

Betroffene verlieren durch ihre Art und Weise mit ihren Mitmenschen umzugehen nach und nach ihre sozialen Kontakte. Die extreme Empfindlichkeit Verbitterter ist für deren Mitmenschen nur schwer zu ertragen. Denn wer will schon eine wie auch immer geartete Beziehung zu jemandem pflegen, der sich ständig in Nörgelei und Vorwürfen ergeht?

Deshalb ist es auch schwierig, Verbitterte zu therapieren. Zwar stehen sie unter einem enormen Leidensdruck, was ja eigentlich die Bereitschaft zu einer Therapie erhöht, andererseits fehlt die Einsicht, denn ein wesentliches Symptom einer Verbitterungsstörung ist ja die Unfähigkeit, etwas am eigenen „Schicksal“ ändern zu wollen.



Ein Therapieansatz

Ein Therapieansatz den man mit Betroffenen verfolgen kann, ist die Klopfakupressur kombiniert mit Rollenspielen. Man lässt die Person, während des Klopfens auf bestimmte Punkte am Oberkörper und Gesicht, erst all ihr Leid klagen. Alle negativen Gedanken über die Ungerechtigkeit die ihr widerfahren ist, Luft machen. Wenn das alles draußen ist, bringt man, während man weiterhin auf besagte Punkte klopft, die Person dazu, in die Rolle des Schuldigen zu schlüpfen und ihn oder sie dann Fragen beantworten zu lassen wie z.B.: "Warum war es aus Sicht der Firma nötig, xy zu kündigen?" "Welche Gründe gab es, xy zu verlassen?" Man bringt die Betroffenen dazu, das was passiert ist, aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und die Situation zu hinterfragen, Mitgefühl oder Verständnis für die Person auf der anderen Seite zu entwickeln und Einsichten zu bekommen.

Schafft man dies, so ist es dem Betroffenen eventuell auch in zukünftigen Situationen möglich, einen Schritt zurückzutreten und aus der Opferrolle aussteigen zu können.


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